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Steter Wandel als Herausforderung

Die Abkürzung steht für «Informations- und Kommunikationstechnologie»: ICT ist eine Branche, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit immer weiterentwickelt. Was bedeuten die stetigen Umwälzungen für das Personal und wie positioniert sich syndicom angesichts der wachsenden Anforderungen? Ein Gespräch mit dem Leiter Sektor Telecom/IT, Giorgio Pardini.

«Fiber to the Home», LTE (Long Term Evolution) bzw. G4 oder «Video on Demand»: Die ICT-Branche entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit und fordert von allen Beteiligten konstante Anpassung und hohe Investitionen. Wir sprachen mit Giorgio Pardini über die Herausforderungen an die Branche und an die Gewerkschaft.

Seit dem 29. November läuft das neue Handynetz LTE (4G). Die Swisscom-Kunden freuen sich. Was bedeutet das für die Angestellten?

Giorgio Pardini: Die Branche wird vom sehr raschen und ständigen technologischen Wandel bestimmt. Die traditionelle Festnetztechnologie spielt eine immer geringere Rolle, obschon sie immer noch das wichtigste Netz ausmacht. Die neuen Übertragungstechnologien und die Konvergenztechnologie, also die Verschmelzung von digitalen Dienstleistungen wie Ton, Bild, Daten, Video, führen zu neuen Dienstleistungen. Diese Verlagerung hat eine Preiserosion bei den traditionellen Produkten zur Folge: Man verdient immer weniger an Dienstleistungen, die über das Kupfer-Festnetz angeboten werden, Triple-Play-Angebote ersetzen die konventionellen Einzel-Abonnemente, SMS werden durch Gratis-Dienste wie WhatsApp ersetzt etc.

Wird denn nicht viel mehr telefoniert? Auf der Strasse haben ja fast alle ein Handy am Ohr, das könnte den Preiszerfall doch kompensieren?

Wir haben mittlerweile mehr Handys als Menschen in der Schweiz. Aber die traditionelle Telefonie wird nicht mehr die grosse Cashcow sein. Im Gegenteil: Sie wird dereinst Geschichte sein. Unter den Anbietern herrscht ein unseliger Preiskampf, zu dem syndicom eine klare Meinung hat: Hinter jedem Franken steht letztlich ein Arbeitsplatz. Wer immer weniger für die hier erbrachten Leistungen bezahlen will, gefährdet die Arbeitsplätze in der Schweiz.

Welchen Einfluss hat die neue Handyfrequenz LTE (4G) auf die Preise?

Ein wichtiger Faktor sind die immensen Investitionen. Swisscom setzt 1,7 Milliarden Franken für die Breitbandtechnologie ein, und man sagt, Sunrise investiere in den nächsten Jahren ebenfalls etwa eine Milliarde. Eine weitere Milliarde mussten die drei Anbieter Swisscom, Sun­rise und Orange in der Schweiz für den Erwerb der neuen Frequenzen aufwerfen. Die hohen Investitionen zeigen, dass wir es hier mit einem Wachstumsmarkt zu tun haben. Allerdings muss man sich schon fragen, ob es Sinn macht, dass der Bund die Lizenzen derart hoch versteigert hat. Letztlich entzieht das den Anbietern nur Geld, das für Investitionen eingesetzt werden sollte. Ohne Investitionen in die Infrastruktur – und dazu gehören Handynetze – haben die Anbieter keine Perspektiven in diesem Markt. Es wäre sinnvoller, anstatt Unternehmenssteuern zu senken, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen und dafür die Frequenzen zu volkswirtschaftlich vernünftigen Preisen zu vergeben.

Und was bedeutet das für die Angestellten?

Der ständige und schnelle Wandel verlangt von den Angestellten eine grosse Flexibilität, ständige Aus- und Weiterbildung und Freude am Neuen. Damit der ständige Wandel nicht zulasten der Angestellten geht, braucht es Spielregeln im Telecom-Markt, die permanent weiterentwickelt werden. Damit wir die technologische Entwicklung vorwegnehmen und uns darauf einstellen können, braucht es eine konstruktive Sozialpartnerschaft mit guten Gesamtarbeitsverträgen und vorbildlichen Mitwirkungsmöglichkeiten der Personalvertretungen und der gewerkschaftlichen Gremien.

Neue Technologien bedeuten doch meist auch Arbeitsplatzabbau.

Es fallen zwar bei den «alten» Technologien Arbeitsplätze weg, dafür schaffen aber die Unternehmen in neuen Bereichen neue Arbeitsplätze. Unter dem Strich wächst die Branche. In den Gesamtarbeitsverträgen haben wir mittlerweile Instrumente verankert, dank denen die von Abbau betroffenen Mitarbeitenden neue Perspektiven erhalten. Zu diesen Instrumenten gehören die permanente Aus- und Weiterbildung, Altersteilzeit, Frühpensionierungen und die aktive Begleitung und Unterstützung bei der Suche nach einer neuen, gleichwertigen Beschäftigung innerhalb und aus­serhalb des Unternehmens.

Was heisst aktive Begleitung und Unterstützung?

Das bedeutet, dass bei der Swiss­com die Betroffenen frühzeitig in eine Umschulungsphase kommen. Voll bezahlt und begleitet vom Unternehmen, für teils sechs, sieben Monate – bis zu zwei Jahren –, um sich nachher neu zu orientieren. Im Fall von Sunrise verbleiben die Betroffenen nicht unbedingt im gleichen Unternehmen, weil der Spielraum dort deutlich kleiner ist. Aber bei der Swisscom wird der überwiegende Teil der Leute in neue Bereiche integriert. Deshalb kommentieren wir in der Regel auch keine Abbauzahlen, die an die Öffentlichkeit gelangen, weil sich diese dank den vorgelagerten Prozessen am Ende massiv reduzieren lassen. Bei dem von uns abgelehnten Projekt «Triathlon» war anfangs in der Öffentlichkeit von 1400 Betroffenen die Rede, zurzeit sind es noch wenige über 100 – und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

syndicom ist bei der Personalplanung von Swisscom beteiligt?

Ja, das ist schweizweit vorbildlich: Ab 1. Januar 2013 werden wir von der Swisscom bei der strategischen Personalplanung einbezogen. Wir werden also gemeinsam analysieren, welche Bereiche in den nächsten Jahren aufgrund des technologischen Wandels oder gesellschaftlicher Veränderungen mit Arbeitsplatzabbau konfrontiert werden und wo neue Arbeitsplätze aufgebaut werden. So können frühzeitig bei den Betroffenen im Sinne von Prävention Umschulungsmassnahmen eingeleitet werden, womit der Sozialplan neu am Anfang eines Reorganisations-Prozesses greift und nicht mehr an dessen Ende. Bei der konkreten Umsetzung wird die Personalvertretung noch stärker einbezogen als bisher.

Was ist, wenn sich ein Unternehmen anders verhält?

Hewlett Packard (HP) weigerte sich vier Jahre lang, eine Betriebskommission zuzulassen. Über die Öffentlichkeit, via Medien haben wir Druck erzeugt, sodass HP letztendlich doch demokratische Wahlen zur Einführung einer Personalvertretung durchgeführt hat. Die Unternehmen dürfen nicht unterschätzen, dass die Öffentlichkeit durchaus ein Gespür hat für das soziale Verhalten eines Unternehmens, und das ist bei der Schweizer Kundschaft oft ausschlaggebend für die Wahl eines Produktes oder einer Dienstleistung.

Ein anderes Problem ist die Aus­lagerung ins Ausland ...

Der starke Franken hat dazu geführt, dass noch schneller rationalisiert und automatisiert wird als zuvor. Man kann keine Gewerkschaftspolitik ausserhalb des Marktes betreiben. Mir ist es lieber, wenn nach einer Rationalisierung zweihundert Arbeitsplätze in der Schweiz bestehen bleiben, als dass die ganze Firma ins Ausland verlegt wird. Nur so bleibt zumindest ein Teil der Wertschöpfung in der Schweiz.

Führt das nicht zum Paradox, dass die Gewerkschaft den Abbau von Arbeitsplätzen unterstützt?

Wir unterstützen das sicher nicht. Aber wir können vor der Realität nicht die Augen verschliessen. Wir müssen alles daransetzen, dass im Sinne der «verlängerten Werkbank» der Mehrwert, der durch Auslagerungen geschaffen wird, wieder in den Werkplatz Schweiz investiert wird und nicht in den Taschen anonymer Aktionäre verschwindet.

Die Gewerkschaft bestimmt ja nicht mit, wo ein Unternehmen seine Gewinne auszahlt.

Aber wir können Bilanzen lesen und sozialpartnerschaftlich verhandeln. Die Geldgeber im Hintergrund haben ja das Interesse, dass ihre Investitionen wieder zurückfliessen. Man denke da nur an das Glasfasernetz, in das in den nächsten Jahren Milliarden investiert werden. Da werden reale Werte geschaffen – und keine Blasen wie an der Börse. Das schafft nachhaltig Arbeitsplätze.

Aber gibt es diesen Markt noch in zehn Jahren? Es ist doch technisch egal, wo die Server dieser Firmen stehen und wer die Apparate herstellt, mit denen wir kommunizieren.

Das Produkt ist global – aber die Dienstleistungen sind lokal. Aus­serdem ist die Schweiz prädestiniert für neue Angebote wie Cloud-Computing: Wir haben stabile politische und soziale Verhältnisse, hervorragend ausgebildete Fachkräfte, eine im Grossen und Ganzen gut funktionierende Sozialpartnerschaft und eine hochstehende Infrastruktur. Das sind wesentliche Wettbewerbsvorteile, die sowohl der Wirtschaft als auch den Beschäftigten dienen. In diesem Kontext ist Gewerkschaftspolitik mehr als nur das Zelebrieren von Abwehrmechanismen und der Kampf um Besitzstand. Vielmehr ist es ein Mitgestalten an unserer sich permanent weiterentwickelnden Gesellschaft mit dem Ziel, dass auch in Zukunft alle ein Leben in Würde führen können.

Das Gespräch führte Nina Scheu.

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